Erfahrungsbericht

Eva H., International Management Studies in the Baltic Sea Region, 7. Semester, Santiago, Chile, Universidad de los Andes, Wintersemester 2025/26

 

Burnout vorprogrammiert

 

Vorbereitung
Bei der Vorbereitung auf den Auslandsaufenthalt sollte man nicht nur an Sommerkleidung denken. Auch in Chile kann es, insbesondere während der Wintermonate (Juni-September), sehr kalt werden. Warme Kleidung, Schal und Mütze sind nicht nur für den Alltag in Santiago, sondern auch für Reisen notwendig, dazu sollte man auch Thermoklamotten mitbringen.
Zudem empfiehlt es sich, Drogerieprodukte, die lange halten, bereits aus Deutschland mitzubringen. Diese sind in Chile sehr teuer und klassische Drogeriemärkte wie in Deutschland gibt es dort nicht. Meiner Erfahrung nach sollte man Drogerieprodukte eher in familiengeführten Apotheken holen als in Ketten und Supermärkten, da diese dort viel günstiger sind.

 

Wohnungssuche und Unterkunft
Für Austauschstudierende gibt es in Chile verschiedene Organisationen und Online-Plattformen, die sowohl bei der Wohnungssuche als auch bei der Vernetzung mit anderen internationalen Studierenden unterstützen. Diese Angebote können vor allem zu Beginn sehr hilfreich sein, diese bieten auch WGs für internationale Austauschstudierende an.
Es ist jedoch sehr wichtig, sich im Voraus über sichere Stadtteile zu informieren, da es in Santiago Gegenden gibt, in denen man sich insbesondere abends und nachts nicht sicher bewegen kann. Für die Nacht empfiehlt sich die Nutzung von Uber, wobei eine Kreditkarte direkt in der App hinterlegt werden sollte, da PayPal aufgrund hoher Umrechnungsgebühren weniger geeignet ist.

 

Kultur und Religion
Die chilenische Gesellschaft ist stark von traditionellen Werten geprägt. Familie hat einen sehr hohen Stellenwert und wird insbesondere in wohlhabenderen Schichten kaum hinterfragt. Generell ist die Gesellschaft sehr hierarchisch organisiert, was sich auch im universitären Umfeld widerspiegelt. Religion spielt ebenfalls eine wichtige Rolle im Alltag. Viele Studierende gehen regelmäßig in die Kirche, die nicht nur als religiöser Ort, sondern auch als Treffpunkt für soziale Interaktion dient. Auf dem Campus der Universität befinden sich sowohl eine Kirche als auch weitere religiöse Einrichtungen, die aktiv genutzt werden. Insgesamt herrscht eine eher konservative Grundhaltung, auch in studentischen Kreisen.

 

Alltag und Studium
Der Studienalltag an der UANDES ist sehr arbeitsintensiv. Vorlesungen sind lang und finden häufig von morgens bis abends statt, was den Alltag besonders für Austauschstudierende herausfordernd macht. An der Universität gibt es keine vergünstigten Essensangebote für Studierende, weshalb die meisten ihr Essen selbst mitbringen. Gelernt wird überwiegend in der Universität und kaum zu Hause, was die langen Tage zusätzlich verlängert. Das Bewertungssystem ist sehr umfassend und setzt sich aus Anwesenheitspflicht, mündlicher Mitarbeit, regelmäßigen Hausaufgaben, wöchentlichen Quizzes, Projekten, Präsentationen sowie zwei Midterms und einer Abschlussklausur zusammen. Alle Leistungen fließen in die Endnote ein. Viele Kurse sind anspruchsvoll und stark arbeitslastig, sodass der Zeitaufwand deutlich höher ist als an vielen deutschen Hochschulen.

 

Freizeit
Aufgrund der hohen Studienbelastung bleibt unter der Woche nur wenig Freizeit. Wer die Wochenenden zum Reisen nutzen möchte, muss sämtliche Studienleistungen unter der Woche erledigen. Ein weiterer Unterschied zu einheimischen Studierenden besteht darin, dass viele Chilenen noch bei ihren Eltern wohnen und sich daher nicht um Haushalt, Einkaufen oder Kochen kümmern müssen. Austauschstudierende hingegen müssen all diese Aufgaben selbst erledigen, was zusätzlich Zeit und Geld kostet. Lebensmittel sind generell teuer.

 

Sprache
An der Universität wird ein Spanischkurs für Austauschstudierende angeboten, dieser war jedoch nur begrenzt hilfreich. Die meisten Chilenen sprechen kaum oder gar kein Englisch. Zusätzlich stellt der chilenische Akzent eine große Herausforderung dar. Er gilt als einer der schwersten im Spanischen und ist geprägt von vielen landestypischen Ausdrücken, sogenannten Chilenismen, die in anderen spanischsprachigen Ländern nicht verwendet werden. Gute Spanischkenntnisse sind daher für den Alltag und den sozialen Austausch nahezu unverzichtbar.

 

Umfeld
Da Studieren an der UANDES sehr teuer ist und fast 1.000 US-Dollar pro Monat kostet, stammen die meisten Studierenden aus sehr wohlhabenden Familien. Die gesellschaftliche Schichtung ist stark ausgeprägt und es ist schwierig, mit Menschen aus anderen sozialen Schichten in Kontakt zu kommen. Innerhalb der Universität fällt zudem eine ausgeprägte Cliquenbildung auf, begleitet von viel Lästerei, was teilweise eher an eine Schule als an eine Universität erinnert. Dieses Verhalten sowie das strenge
Universitätssystem prägen den Alltag stark.

 

Infrastruktur
Santiago verfügt zwar über ein ausgebautes Metro- und Bussystem, dieses ist jedoch häufig überlastet. Viele Studierende benötigen eine Stunde oder länger für den Weg zur Universität. Die letzte Metrostation liegt zudem nicht direkt an der UANDES, sodass zusätzlich ein Bus genommen werden muss. Staus, überfüllte Verkehrsmittel und unzuverlässige Buszeiten erschweren den Alltag erheblich. Die Universität liegt am äußeren Stadtrand in einem sehr teuren Viertel, was die Wohnungssuche zusätzlich erschwert.

 

Tipps und Hinweise
Es empfiehlt sich, eine Wohnung möglichst in Uni- oder Metronähe zu suchen, idealerweise mit nur einem Verkehrsmittel zur Universität. Warme Kleidung sollte unbedingt mitgenommen werden, da es im Alltag deutlich kälter sein kann als erwartet. Eine Brotdose und eine Trinkflasche sind ebenfalls wichtig. Drogerieprodukte sind in Apotheken meist günstiger als im Supermarkt. Zudem ist der IClub (ähnlich wie bei uns der IEP) der Universität eine gute Anlaufstelle, da man dort einen Buddy zugeteilt bekommt und
Unterstützung im Alltag und in der Universität erhält, beispielsweise bei Fragen zum öffentlichen Nahverkehr.

 

Fazit
Chile ist ein wunderschönes Land und ich hoffe für jeden das er das Land bereisen kann, der Austausch bat mir die Möglichkeit dazu. Andererseits steht der hohe Arbeitsaufwand an der UANDES aus meinerSicht nicht in einem ausgewogenen Verhältnis zum tatsächlichen fachlichen Lerngewinn. Ich würde die UANDES für einen Austausch daher nur eingeschränkt empfehlen. Rückblickend hätte ich mich für eine andere Universität entschieden. Ich lege der Host ans Herz mit anderen Universitäten in Santiago zu kooperieren, da es dort auch weniger arbeitsintensive Alternativen gibt.
PS.: Aus diesen Gründen habe ich mich dazu entschieden, meinen Aufenthalt in Chile zu verlängern, um das Land außerhalb des Studienalltags besser kennenzulernen, es lohnt sich für mich noch nicht zurückzukehren.